Poesie und Revolte

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Digital ist besser?

Ein beschriebens Blatt Papier in einer alten Schreibmaschine. Zu lesen ein Auszug eines Tagebucheintrags


01:58 Sind es nur die Vinylfetischisten, die sich eine Zeit vor der Digitalisierung wünschen (was ich hier mitunter verstehen kann) oder was lässt manche träumen von der „guten alten Zeit“? Ich habe immer gerne von Hand gezeichnet und in Phasen, wo ich mit dem Computer nicht mehr zurecht gekommen bin, habe ich dort meine Fähigkeiten, etwas darzustellen, was heute vielleicht eine KI ersetzen kann, zurückgegriffen. Die Welle der digitalen Welt kam in mein letztes Arbeit in den 2000er Jahren. Damals verschmähte eine Gemeinde die händisch gezeichneten und vom Munde gemalten Planunterlagen und bestand auf rechnerlesbare Pläne und Berichte. Eine Ära geht zu Ende, ein Neubeginn folgt. Wenn ich meine Kollegen, wirklich alte Hasen, immer gehört habe, dass sie mehrmals täglich in den Copyshop mussten, um am Projekt weiterarbeiten zu können oder sie eine Sekretärin im Hinterzimmer hatten, die die Berichte ins Reine tippte – irgendwo vermisse ich die alten Zeiten nicht. Und doch greift mich ein wenig der Anachronismus und ich tippe auf einer alten Schreibmaschine. Man hat halt früher mehr überlegt, was man da produziert, musste präzise sein mit der Formulierung. Wer es nicht konnte, war verratzt mit ständiger Tipexkorrektur. Perfekt kann mittlerweile ein jeder. Und mittlerweile ist es auch schwer erkennbar, ob der Inhalt echter Inhalt ist oder nur sowas wie Formfleischschninken von der Industrie. Alla: „Alles ist aus Hack gemacht.“ Dann wundert es nicht, wenn man hört, dass das alles nur Mausklicks sind. Ja, richtig, aber da haben wir auch den Salat. Früher hatte man den großen Freiraum aus Zeit und Verständnis, dass es eben aufwendig ist und dauert. Und sich die Mühe macht und Liebe hineinsteckt. Heute wird vorrausgesetzt, dass man die Maschine einfach bedienen kann und alles viel leichter geworden ist. Es wird nicht einfacher, nur fucking komplizierter – und geht nicht unbedingt schneller. Deshalb liebe ich es ab und an, ganz ohne Kopfschmerzen, auf meiner alten Schreibmaschine zu beobachten, wie sich unter dem Gehämmer das Blatt langsam füllt. Ich halte viel von der Kombination Digital-Analog und Analog-Digital. Wandel dich hin und wandel dich her. Das Leben ist keine Einbahnstraße. Und der Titel, von Tocotronic entlehnt, ist nicht unbedingt ernst gemeint. Am Ende sind eh alles nur Fliegenköttel. Ob auf Papier oder auf dem Monitor.

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